Transdisziplinäres Symposium: JungforscherInnen und ihre Projekte

Im Rahmen des Projektes „Ungleiche Vielfalt“ des Paulo Freire Zentrums haben drei DiplomandInnen der WU zu Raumnutzung und -gestaltung von Jugendlichen in Wien geforscht. Beim Symposium am 14. Oktober 2010 stellten sie ihre Ergebnisse vor.
Christina Haslehner | 10.11.2010
Transdisziplinäres Forschen beinhaltet nicht nur die Verbindung verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, sondern auch die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Dies setzt eine Aufweichung der Dichotomie ForscherInnen – Erforschte sowie die Annerkennung der Relevanz von Erfahrungswissen aus dem Alltag voraus.
Kamil Horbaczynski, Doris Hoffelner und Nina Borufka, DiplomandInnen der Wirtschaftsuniversität Wien, haben ihre Diplomarbeiten nach diesem Prinzip gestaltet. Im Rahmen des Projektes „Vielfalt der Kulturen – ungleiche Stadt“ haben sie gemeinsam mit SchülerInnen des Bundesgymnasiums Klostergasse (BG 18) und der Kooperativen Mittelschule 18 (KMS 18) geforscht. Der von ihnen verwendete Raumbegriff geht dabei über den physischen Nahraum hinaus und schließt auch den relational konstruierten Raum und die Position von Subjekten innerhalb eines solchen Raumes mit ein.
Durchaus positiv kommentiert wurden die Arbeiten von Christoph Stoik (FH Campus Wien), Sabine Knierbein (TU-Wien) und Veronika Wöhrer (Universität Wien).

Raumnutzung und der Zugang zu Ressourcen

 Symposium_Kamil.JPG Kamil Horbaczynski geht in seiner Diplomarbeit der Frage nach, welche raumbezogenen Alltagsstrategien Jugendliche in Wien verfolgen. Warum nutzen sie gewisse Räume und Freizeitangebote bzw. warum meiden sie andere?
In Anlehnung an Pierre Bourdieu erkennt Horbaczynski im „Kapital“, welches den Jugendlichen zugänglichen ist (also in ihren Ressourcen), einen wichtigen Faktor. Von zentraler Bedeutung seien hier soziale Beziehungen. Bezugspersonen wie Familienmitglieder oder ParkbetreuerInnen würden die Entscheidungen von Jugendlichen beeinflussen und Möglichkeiten schaffen oder eingrenzen.

Institutionen und Organisationen wie die Jungschar oder die Schule würden ebenfalls in den Entscheidungsprozessen mitwirken. Die Forschungsergebnisse zeigten, dass es deutliche Unterschiede in der Freizeitgestaltung der SchülerInnen der beiden Schulen gibt. Dies ließe sich, so Horbaczynski, nun dadurch erklären, dass den SchülerInnen der beiden Schulen unterschiedliche Ressourcen zu Verfügung stehen, die sie unterschiedlich anwenden. Dies wiederum habe Auswirkungen auf ihre Raumnutzung: Während sich BG-SchülerInnen in einem eher leistungsorientierten, durch Institutionen stärker vordefinierten Umfeld befänden, sei die Einbindung der KMS-SchülerInnen in Institutionen weit weniger ausgeprägt. BG-SchülerInnen nützten daher in ihrer Freizeitgestaltung vor allem die Angebote von Institutionen, während KMS-SchülerInnen mehr auf soziale Kontakte zurückgriffen.

Nutzung und Gestaltung von Parkanlagen

Doris Hoffelner untersuchte, welche Ansprüche die SchülerInnen an die Nutzung des Marie-Ebner-Eschenbach-Parks stellen. Während der Park von den SchülerInnen der KMS 18 stark frequentiert werde, nützten die BG-SchülerInnen diese Zone kaum. Um herauszufinden, welche Gestaltungsqualitäten die Nutzung und Aneignung des Parks beeinflussen, führte sie gemeinsam mit den Jugendlichen Zukunftswerkstätten durch, bei denen die Ideen und Wünsche der SchülerInnen im Bezug auf den Park im Mittelpunkt standen.

Symposium_Doris_und_Sabine.JPG
Sabine Knierbein (Kommentatorin), Gerald Faschingeder(Moderator), Doris Hoffelner

Es zeigte sich, dass die Lebensstile, die Position im sozialen Raum und das Freizeitverhalten einen starken Einfluss darauf haben, welche Räume Jugendliche nutzen bzw. wie sie diese Räume planen würden. Während bei der Gestaltung ihrer eigenen Parkpläne für die SchülerInnen der KMS 18 Ballspielmöglichkeiten wichtig waren und sie versuchten, viele Bedürfnisse unterzubringen, bevorzugten BG-SchülerInnen vor allem Aufenthalts- und Sitzmöglichkeiten. In ihren gezeichneten Parks fanden sich tendenziell mehr Elemente von so genannten Landschaftsparks (Bsp. Türkenschanzpark) wieder, während die von KMS SchülerInnen geplanten Parks eher „Beserlparks“ (Parks in dicht besiedelten Stadtteilen, die so klein sind, dass man sie mit einem „Beserl“ kehren könne) glichen.

Möglichkeitsräume von Mädchen mit Migrationshintergrund

 Symposium_Nina.JPG Nina Borufka setzte sich mit den Möglichkeitsräumen von weiblichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund auseinander. Sie ging der Frage nach, welche Strategien diese Mädchen beim Übergang zur zweiten Bildungsstufe verfolgen und wovon ihre Bildungsentscheidungen abhängen. Sie stellte mehrere beeinflussende Faktoren fest: Familie, Selbsteinschätzung, Unsicherheit und Perspektivenlosigkeit sowie die sozioökonomische Lage ihrer Familien prägen, so Borufka, die Bildungsentscheidungen der Mädchen besonders. Familien sähen zwar höhere Bildungsziele für die Mädchen vor und übten einen gewissen Druck aus, könnten aufgrund ihrer sozioökonomischen Lage aber wenig Unterstützung (z.B. Nachhilfe) bieten.

Zudem erschwerten ungenaue Zukunftsvorstellungen der Mädchen über ihren Heimatort oft die Entscheidung, da viele nicht wüssten, ob sie in Österreich blieben oder nicht. Selbstüberschätzungen führen zu Diskrepanzen zwischen Bildungswünschen und Realisierungen, während eine starke Unterschätzung dazu führt, dass viele Mädchen ihre Ziele zu niedrig ansetzen und ihr Potential nicht ausschöpfen, so Borufka. Soziale Ungleichheiten seien also einerseits die Ursache für die schwierige Situation der Mädchen, andererseits seien sie aber auch die Auswirkung, da sie eben dazu führen würden, dass die Mädchen unsicher oder unrealistisch im Bezug auf ihre Zukunftsvorstellungen wären.

Soziale Ungleichheiten und Raumnutzung

Trotz unterschiedlicher Thematiken zeigten alle drei Arbeiten, dass der Zugang zu Ressourcen ein zentrales Element im Bezug auf die Raumnutzung und -gestaltung von Jugendlichen darstellt. Soziale Ungleichheiten beeinflussen diesen Zugang, bzw. sind auch gleichzeitig deren Produkt. Das Fehlen diverser Mittel kann verschiedene Räume verschließen. Es zeigt sich aber auch, dass Jugendliche Wege finden, die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel derart anzuwenden, dass eine Öffnung und Aneignung diverser Räume möglich wird.


Die Powerpointpräsentationen zu den Vorträgen:

 Kamil Horbaczynski.pdf  (457.68 KB)
 Doris Hoffelner.pdf  (738.90 KB)
 Nina Borufka.pdf  (413.15 KB) 





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